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Geschrieben von: Haiko Lietz   

Redner des BerlinsymposiumsNetzwerke und Systeme: Alles ist relational

Mittwoch, den 01. Oktober 2008, Humboldt-Universität Berlin

Vor einem Jahr hat die Frankfurter Netzwerktagung den Aufbruch der deutschen Sozialwissenschaft in Richtung der Etablierung relationaler Methoden und Theorien eingeläutet. Ende September hat sich diese Strömung „transatlantische Impulse“ geholt – und aufgezeigt, was man selber zu bieten hat.

Auf dem Symposium an der Humboldt-Universität zu Berlin, organisiert von Jan Fuhse und Sophie Mützel, stand das Werk von Harrison White im Zentrum. Der Soziologieprofessor an der Columbia University gilt als führender Kopf der relationalen Soziologie. In den 60er Jahre hat er begonnen, das Soziale relational zu denken, nicht als statische und statistische Zusammensetzung von gegebenen Individuen, sondern als stochastischen Prozess, der auf allen Ebenen sozialer Organisation geschieht und aus dem sich "Personen" als komplexe Strukturen erst herausbilden.

Aus Opposition zur übersozialisierten Auffassung des Sozialen à la Parsons waren die Anfänge der relationalen Soziologie jedoch rein strukturell und missachteten das Kulturelle. Dieses begann sich in den 90ern zu ändern, mit ausgelöst von Identity and Control (1992), Whites Hauptwerk der relationalen Soziologie, das dieses Jahr in der zweiten überarbeiteten Auflage erschienen ist. So geht es heute in der relationalen Soziologie um die Dualität von Kultur und Sozialstruktur, wie beschrieben von Whites frühem Studenten Ronald Breiger, der leider seine Teilnahme hatte absagen müssen. In Berlin ging es darum, was die deutsche Sozialwissenschaft von diesem relationalen Paradigma lernen, aber auch dazu beitragen kann.

Generell wird als Stärke der US-amerikanischen Soziologie und besonders ihrer relationalen Schule angesehen, dass sie Empirie und Theorie zu verbinden vermag. Dieses wurde von Ann Mische, Sophie Mützel und Christian Stegbauer aufgezeigt. Herausgreifen möchte ich die Arbeit von Mützel, die in ihrer Dissertation (2002) gezeigt hat, dass sich Whites Modell für Produktionsmärkte auch sinnvoll auf die Produktion von Meinungsäußerungen in Kommunikationsmärkten übertragen lässt.

Dieses Marktmodell lasse sich durch Ansätze der französischen Wirtschaftssoziologie erweitern, schlug Rainer Diaz-Bone vor, wonach Konventionen es ermöglichen, den Qualitätsbegriff näher zu bestimmen. So lasse sich zeigen, dass rationales Handeln – die Grundannahme des neoklassischen Marktmodells – nur eine mehrerer Qualitätskonventionen sei. Jan Fuhse bedient sich bei der Entwicklung einer Soziologie sozialer Ungleichheit einer Symbiose von Pierre Bourdieus Werk und konkret relationalen Ansätzen, die er bei Bourdieu vermisst. Er schloss ab mit dem Vorschlag, Umfragen mit Fragen über soziale Beziehungen anzureichern.

In ihrer Einführung hatten die Organisatoren angedeutet, dass ein deutscher Beitrag zur Weiterentwicklung der relationalen Soziologie aus der Systemtheorie kommen könnte, die international gesehen in Deutschland noch mit am stärksten ist. Die Systemtheorie nach Niklas Luhmann teilt mit der White’schen Netzwerktheorie zentrale Ansätze, unter anderem die Beschäftigung mit dem Komplexitätsbegriff und eine Skalenfreiheit, die Personen nicht an den Anfang von allem Sozialen setzt.

Mit einer Anwendung des Formenkalküls von George Spencer-Brown machte Dirk Baecker einen Vorschlag, wie sich Kultur als Link zwischen Systemen und Netzwerken verstehen lassen können. Die Vorstellung, dass Systeme sich durch Netzwerke repräsentieren lassen, wie es in der naturwissenschaftlich geprägten Komplexitätsforschung gemacht wird, will er nicht gelten lassen. Systeme definierten sich zwar in Abgrenzung zu ihrer Umwelt, ihre Grenzen seien im Gegensatz zu Netzwerken aber durchlässig. Athanasios Karfillidis leitete jedoch die Aussage her, dass Systemgrenzen Netzwerke seien. Der Spencer-Brown-Formalismus ist sehr abstrakt und hat mit einer klassischen Soziologie auf ersten Blick nicht viel gemeinsam. Am konkretesten gelang die Zusammenbringung von Systemen und Netzwerken vielleicht Boris Holzer, der Netzwerke als komplexe Formationen darstellte, die für Systeme als erkenntnistheoretische Konstrukte eine Umgebung bilden.

Patrik Aspers schlug vor, Identity and Control philosophisch mit Heidegger zu untermauern, und präsentierte einen Vorschlag, Whites Marktmodell auf der Konsumentenseite zu differenzieren. Stephan Fuchs präsentierte sein Verständnis kultureller Netzwerke als bestehend aus institutionalisierten Kernen, die äußeren, nicht kohärenten Input entweder synchronisieren oder abstoßen, und flexibleren Peripherien. Interessant daran ist die Aussicht, kulturelle Netzwerke empirisch studieren und mit sozialen Netzwerken korrelieren zu können. John Levi Martin stellte die These vor, dass das Soziale eigentlich sehr einfach aufgebaut sei. Makromare Sozialstrukturen bestünden aus hierarchischen Patronage-ähnlichen Skeletten, die von Simmel’schen Triaden überlagert seien.

Abschließend bot White pointiert und kurzweilig seine Kommentare zu den vorangegangenen Präsentationen an. Er hob den theoretischen Input aus Deutschland und Frankreich hervor und witzelte, vielleicht könne auch die deutsche methodologische Sorgfalt zur Fortentwicklung der relationalen Soziologie beitragen. Wichtig ist ihm dabei, immer wieder das Paradoxe am Sozialen zu suchen und sich nicht auf den „gesunden Menschenverstand“ zu verlassen, was einen eher die interessanten Forschungsfragen übersehen lasse. Allen Teilnehmern gab er mit auf den Weg, Netzwerke auf mehreren Ebenen zu denken, von Netdoms über Disziplinen hin zu Institutionen.

Das Berliner Symposium stach hervor durch eine hervorragende Besetzung und angeregte Diskussionen. Für die Organisation zukünftiger Ereignisse sollte man, so wie in Berlin, reichlich Zeit für Diskussionen und lange Pausen für informelle Diskussionen einplanen. Die eine oder andere Frage, die Systemtheoretiker und Netzwerkforscher füreinander hatten, konnte so doch noch geklärt werden. Und das war das Ziel: Annäherung und Austausch. Weitere solche Ereignisse sind im Rahmen der nach Frankfurt gegründeten Arbeitsgruppe für relationale Soziologie in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie bereits in Vorbereitung.