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Zentrum - Dissertation

Selbstähnlichkeit als Ordnungsprinzip in komplexen sozialen Systemen


Wenn eine Fußballmannschaft beim Spielanpfiff Aufstellung nimmt, ein Gerücht sich "wie ein Lauffeuer" auf dem Schulhof verbreitet, oder sich ein neues wissenschaftliches Paradigma etabliert, dessen "Zeit gekommen ist", entsteht soziale Ordnung. Wenn sich im Fußballspiel der Spielaufbau wiederholt, das Gerücht für anhaltenden Gesprächsstoff sorgt und das Paradigma durch Textbücher und Vorzeigeexperimente etabliert wird, festigt sich diese Ordnung.


Selbstähnlichkeit


Das Schulhofgerücht kann sich jedoch als sehr flüchtig erweisen und nach 90 Minuten wird das Spiel abgepfiffen. Kuhn schließlich hat wissenschaftliche Revolutionen beschrieben, in denen eine Form sozialer Ordnung vergeht und durch eine andere ersetzt wird. In der Dissertation geht es um das Entstehen, Bestehen und Vergehen sozialer Ordnung.

Manche Sozialwissenschaftler (Fuchs 2001, Luhmann 1984, Watts 1999, White 2008) haben sich dem Ordnungsproblem unter Verwendung von Systemansätzen oder naturwissenschaftlichen Analogien und Modellen angenommen. Gleichzeitig haben sich Vertreter der exakten Wissenschaften (Barabási 2003, Haken 1984, Schweitzer 1997, Weidlich 2000) mit soziologischen Fragestellungen beschäftigt. Absicht dieser Dissertation ist, durch Kombination von Soziologie und der interdiziplinären Erforschung komplexer Systeme interessante neue Sozialforschung zu machen.

Soziale Einheiten sind nicht per se existieren, sondern kommen erst durch ihre Beziehungen ins Leben. Gibt es eine kritische Masse an Beziehungen, dann entsteht in einer Art sozialer Perkolation eine Identität. Es ist dieses dasselbe Prinzip, nach dem ein Permanentmagnet bei Unterschreitung seiner kritischen Temperatur schlagartig ein magnetisches Feld erhält. Auf diese Weise entstehen zusammenhängende Komponenten, die White Identitäten nennt. Diese wiederum interagieren mit anderen Identitäten und bilden molekülartig immer komplexere Sozialstrukturen. Für die Erklärung der Stabilität von Sozialstruktur hat White das Prinzip der Selbstähnlichkeit soziologisch ausgearbeitet. Selbstähnlichkeit bedeutet prinzipiell, dass ein System ähnlich ist, aussieht oder funktioniert wie seine Komponenten, diese wiederum wie ihre Komponenten, usw. Identitäten sind stabil, wenn sie für zeitliche Konstanz ihrer Netzwerkstruktur sorgen.

Diese Dissertation nimmt sich dem Ordnungsproblem mit Hilfe der Prinzipien Selbstähnlichkeit und Perkolation an. Das Ziel ist zu erklären, wie und warum sich soziale Strukturen herausbilden, festigen oder verändern. Theoretisch nimmt die Arbeit Teil an der Diskussion über Netzwerke, Systeme, Sozialstruktur und insbesondere Zeit (Abbott 2001, Baecker 2002, Doreian & Stokman 1997, Fuchs 2001, Stegbauer i. E.). Ob Selbstähnlichkeit und Perkolation nur griffige Metaphern sind, oder sich zur Modellierung der Dynamik sozialer Ordnung eignen, soll an einem noch zu bestimmenden Beispiel empirisch studiert werden. Hypothesen werden mit Methoden der Analyse komplexer Netzwerke (Clauset et al. 2007, Guimerà et al. 2005, White et al. 2004) und Agenten basierten Simulationen (Axelrod 1997) getestet.